Karte vom Rheinland

III. Rheinischer Museumstag am 25. September 2006

“Zur Situation der Rheinischen Museen”


Am 25. September 2006 fanden der III. Rheinische Museumstag und die Jahreshaupt- und
Mitgliederversammlung des Verbandes Rheinischer Museen im Rheinischen Landesmuseum in Bonn statt. Im Mittelpunkt stand die Erhebung “Zur Situation der Rheinischen Museen”, die der Verband Rheinischer Museen in Zusammenarbeit mit dem Rheinischen Archiv- und Museumsamt des Landschaftsverbandes Rheinland im Frühjahr 2006 durchgeführt hatte und deren Ergebnisse nun vorgestellt wurden. Rund 100 Kolleginnen und Kollegen folgten der Einladung des Verbandes Rheinischer Museen nach Bonn und wurden von dem stellvertretenden Direktor des Rheinischen Landesmuseums Lothar Altringer herzlich willkommen geheißen. Die Freude über die große Resonanz zeigte sich auch in der Begrüßung des Vorsitzenden des Verbandes Rheinischer Museen Dr. Rolf Jessewitsch und der Dezernentin des Landschaftsverbandes für Kultur und Umwelt Milena Karabaic. Die Dezernentin dankte zugleich den an der Umfrage beteiligten 262 Museen und versprach, der Landschaftsverband werde die Ergebnisse nutzen und sie als Grundlage für seine Förderungspolitik nehmen.
Das einführende Referat hielt Professor Dr. Hans Joachim Klein vom ZEB – Zentrum für Evaluation und Besucherforschung am Badischen Landesmuseum Karlsruhe, das die Umfrage ausgewertet hat. Anhand von zahlreichen Grafiken und Tabellen erläuterte er die Ergebnisse. Bereits diese Darbietung brachte eine Reihe neuer Erkenntnisse. Mit einem Rücklauf der Fragebögen von 66% ist ein relativ gutes Resultat erreicht, dennoch ist das Bild teilweise etwas verzerrt, da vor allem einige größere Museen die Erhebungsbögen nicht zurückgeschickt haben. Dies wirkt sich besonders im Bereich der Besucherzahlen aus. Die Beteiligung der Umfrage war am Niederrhein am höchsten, in Köln am geringsten.
Volkskunde- und Heimatmuseen prägen die ländliche Museumslandschaft am Niederrhein, Kunstmuseen überwiegen in den Großstädten an der Rheinschiene Bonn/Köln/Düsseldorf. Nur noch 40% der Museen befinden sich in kommunaler Trägerschaft, die restlichen Museen werden von Vereinen, privaten Stiftungen, etc. getragen. 75% der Museen finden Unterstützung in Förder- und Freundeskreisen, 25% der Museen, vor allem der Kunstmuseen gaben an, ein Leitbild zu haben. Die hauptamtliche Museumsleitung überwiegt, verglichen aber mit den Gattungen werden eher Volkskunde- und Heimatmuseen als Kunstmuseen im Nebenamt betreut. Rund 30% der Museumsleiter nehmen noch andere Aufgaben wahr. Geschultes Personal im Bereich der Museumspädagogik findet sich immer seltener. Zwei Drittel der kleineren Museen verfügen über keine festen Mitarbeiter, 37 Museen bieten nur befristete Personalverträge. Das Ehrenamt ist stark auf dem Vormarsch. Der Nachwuchs hat schlechte Aussichten, Plätze für Volontäre gibt es kaum. Dienstleistungsangebote finden sich bei nur 2% der Volkskunde- und Heimatmuseen. Dem stehen ca. 60% der Kunstmuseen mit einer guten Ausstattung gegenüber. 40% der Museen profitieren von auswärtigen Besuchern, wobei die Grenznähe mancher Städte eine Rolle spielt. Konservierung und Restaurierung fehlen in 124 Museen völlig. Ein Drittel der Museen präsentiert 60% seines Sammlungsbestands, ein weiteres Drittel nur 25%. Querbezüge zur Depotfrage müssten hier hergestellt werden. Viele Museen geben Rückstände bei der Inventarisierung an. 98% der Kunstmuseen kooperieren mit anderen Kunstmuseen. Kleinere Museen sind relativ isoliert, ihnen fehlen die geeigneten Mittel. Hier zeigen sich bei Aufschlüsselung nach Art der Sammlung und Trägerschaft gewaltige Unterschiede. Bei den Fragen nach der eigenen Einschätzung, beispielsweise bei der Vorrangigkeit von Maßnahmen, sehen 20% dringenden Bedarf für Baufinanzierung, 50% in der Neugestaltung der Dauerausstellung. Kleinere Häuser fürchten, keine wissenschaftlichen Aufgaben mehr wahrnehmen zu können, Kunstmuseen den Verlust ihrer Bibliotheken. Nach dieser Fülle von Daten, Fakten und Erkenntissen zur rheinischen Museumslandschaft fand man Brechts Zitat “Die, die man sieht, die stehen im Licht. Die, die im Dunkeln stehen, sieht man nicht” aus der Dreigroschenoper, mit dem Prof. Klein sein Referat eingeleitet hatte, bestätigt.
Daran anknüpfend ergriffen die kulturpolitischen Sprecher der im Landtag NRW vertretenen Parteien das Wort und gaben kurze Statements zu den Ergebnissen der Umfrage ab.
Für Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg (CDU) sei kulturelle Identität notwendig, deshalb seien Museen mit ihren Archiven als kulturelles Gedächtnis einer Stadt, einer Region so wichtig. Das Museum sehe er auch als außerschulischen Lernort an, und er verwies auf das Landesprogramm “Kultur und Schule”. Die kulturelle Bildungsfrage möchte Sternberg aber nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen, z.B. im Bereich der über 50jährigen verwirklicht sehen. Er sei ein Gegner der Eventkultur, forderte aber, “Museen könnten munterer und flexibler werden”, beispielsweise in der Frage der Öffnungszeiten.
Stellvertretend für Claudia Nell-Paul sprach Ingrid Hack (SPD). Sie erwähnte den Finanzrahmen für Kulturpolitik, der 2006 erweitert wurde. Dennoch sei man aber wegen der reichen Kulturvielfalt einer Reihe von Zielen verpflichtet Die Umfrageergebnisse böten jedoch eine gute Grundlage für die Förderung. Sie befürwortete die Investition in Vorhandenes, beispielsweise im Bereich der Mitarbeiter und Besucher, und weniger bei Neubauten. Wie Prof. Sternberg sieht Hack einen Schwerpunkt in Sicherung und Erhalt der Sammlungen sowie im Bereich der Restaurierung. Auch Museumspädagogik dürfe nicht weiter ein weißer Fleck sein. Aufgaben der Museen müßten Vermittlung des Lernens und Einrichtung für lebenslanges Lernen sein. Abschließend forderte sie, daß sich – da sich die Vielfalt der Regionen in den Museen widerspiegele – die Kulturhauptstadt Essen 2010 auf alle Regionen ausdehnen solle.
Angela Freimuth (FDP und Vizepräsidentin des Landtags) zeigte sich überrascht, daß große Museen an der Erhebung nicht teilgenommen haben und bedauerte, daß die Umfrage dadurch nicht in allen Punkten repräsentativ sei. Auch sie unterstrich die Notwendigkeit der kulturellen Identität, regte jedoch an, Museen sollten die Einwanderungsproblematik aufgreifen. Für die Museumspädagogik machte sie sich ebenso stark wie ihre Vorredner, widersprach aber Prof. Sternberg: hinsichtlich der knappen Ressourcen solle der Schwerpunkt in der Kinder- und Jugendarbeit liegen.
Oliver Keymis (Bündnis 90 / Die Grünen) stellte weitgehende Übereinstimmung der Parteien in der Kulturpolitik fest. Er begrüßte eine Verdoppelung des Kulturetats und sieht die zukünftige Aufgabe der Museen in der Forderung nach interkulturellen Identität. Er stellte die Frage, wie Museen darauf eingingen, um die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit darzustellen und forderte, die Politik müsse dafür Rahmenbedingungen schaffen.
Den Statements der Politiker schloß sich eine rege Diskussion an, in der unter anderem auch die Frage nach einem Museumsgesetz aufgeworfen wurde.
Einblicke in andere Bundesländer, die ebenfalls Museumsumfragen durchgeführt haben, brachten die Beiträge von Dr. York Langenstein und Hans Lochmann, mit denen das Programm am Nachmittag fortgesetzt wurde. Dr. Langenstein, Präsident des Deutschen Internationalen Museumskomitees (ICOM) und Leiter des Amtes für die rund eintausend nichtstaatlichen Museen in Bayern zeigte sich erfreut über das kulturpolitische Forum in Bonn und die Diskussion mit den Politikern, die die Fürsorge der Bestände und die Forschung angesprochen hätten. Das sei in Bayern nicht so. Zugleich lobte er den erfolgten Beitritt Deutschlands zur Kulturgüterschutz – UNESCO-Kommission. Dann ging er auf die in Bayern durchgeführte Umfrage ein. Diese sei nicht so umfangreich und differenziert gewesen, da sie sich nicht, wie in NRW an den geforderten Museumsstandards des Deutschen Museumsbundes orientiert hätte. Nur Fakten, z.B. aktuelle Ausstellungen, Veranstaltungen, Besuchergruppen etc. seien im Zusammenhang mit der Neuauflage des “Museumshandbuchs” in Bayern ermittelt worden. Tendenzen und Einschätzungen der Museumsleute wie Fragen zum “Leitbild” und zur Museumskonzeption wurden nicht abgerufen. Insofern käme der in NRW praktizierten Erhebung eine richtungsweisende Funktion zu, und er forderte, Kernpunkte in Zukunft bundesweit zu erfragen. Abschließend regte er an, Museumsämter und Museumsverbände sollten zum Thema “Leitbild” zusammenarbeiten und eine bundesweite Datenumfrage entwickeln.
Den Ausführungen über Bayern folgten Erfahrungen aus Niedersachsen, die Hans Lochmann, Geschäftsführer des Museumsverbandes Niedersachsen und Bremen vortrug. Die letzte Bestandserhebung wurde 2004 durchgeführt. Auch hier wurden lediglich Strukturdaten abgefragt und Tendenzfragen, wie in NRW nicht gestellt. Mit der Umfrage sollte eine neue Datengrundlage für die Zertifizierung der Museen geschaffen werden. Eine professionelle Bearbeitung der Bestandserhebung fehlt aber bis jetzt. Nicht ermittelt wurden Daten zur Erforschung der Sammlung, zur Lagerung der Bestände, zur Handhabung und zum Zustand der Gebäude. Auch Besucherzahlen wurden nicht abgefragt, hier verwies Lochmann auf das Institut für Museumskunde in Berlin.
Museumsdirektoren aus dem Rheinland schilderten anschließend die Situation vor Ort und gingen der Frage von Qualität und Qualitätssicherung in ihren Museen nach. Gudrun Schmidt-Esters, Leiterin der Stiftung Keramion – Zentrum für moderne + historische Keramik in Frechen, zeigte Mängel in der Unterbringung des historischen Bestands der Sammlung auf. Dieser befindet sich außerhalb geeigneter Depots, Büro und Bibliothek sind sogar im Container untergebracht. Dr. Stefan Geppert, Direktor des Bergischen Museums Schloß Burg in Solingen, stellte die Frage, was Qualität heute und was das “Leitbild” sei und skizzierte in acht Punkten, wo trotz seines gut bestellten Hauses Verbesserungen möglich seien. So wünschte er sich mehr Qualität im Bereich der Veranstaltungen und beim Internetauftritt, auch in der Präsentation der Sammlung sieht er Bedarf. Zudem beklagte er, wissenschaftliches und innovatives Arbeiten sei aus Zeitgründen kaum mehr möglich und ein Outsourcen notwendig. Auch für Dr. Wilhelm Stratmann, Direktor des Städtischen Museums Schloß Rheydt in Mönchengladbach, läßt die tägliche Arbeit keinen Raum mehr für die Wissenschaft und Forschung. Auch bedauerte er, dass Sponsoren sich lieber an das Städtische Museum Abteiberg wenden. Die Bibliothek kann nicht erweitert werden kann, Bestandskataloge und Klimaanlagen für empfindliche Bestände fehlen. Positiv sieht er die Kooperation mit Museen in der Euregio Rhein-Maas-Nord und verfolgt dafür das Ziel eines überregionalen dezentralen Geschichtsmuseum mit Verankerung in Mönchengladbach. Damit möchte er vom Status des Heimatmuseums wegkommen.
Mit diesen Einblicken in die Probleme, Hoffnungen und Wünsche, die den Museumsalltag prägen, endete der III. Rheinische Museumstag, der am Morgen mit einer Führung durch die Sonderausstellung “Roots” im Rheinischen Landesmuseum begonnen hatte. Die Mitglieder des Verbandes Rheinischer Museen trafen sich anschließend zu ihrer Jahreshauptversammlung.

Regine Zeller
Düsseldorf, 9.11.2006