Karte vom Rheinland

“over de grens” – deutsche und niederländische Museen im Vergleich

VI. Rheinischer Museumstag – ein Resümee, ein Kommentar


Am 15. Juni 2009 fand im Limburgs Museum im niederländischen Venlo der vom Verband Rheinischer Museen e.V. veranstaltete VI. Rheinische Museumstag statt. Grenzüberschreitende deutsche und niederländische Museums – und Bildungsarbeit war Thema der Tagung, an der Museumskollegen aus dem Rheinland wie aus der Provinz Limburg teilnahmen.
Ausgehend von gelungenen Kooperationsprojekten wie “Flashback. Zeitreisen zwischen Maas und Rhein” oder “Crossart. Route moderner Kunst” sollten Kommunikationsprozesse im Gebiet der Euregio – hier insbesondere zwischen der Provinz Limburg und dem Rheinland – fortgeführt, Anknüpfungspunkte gefunden sowie neue Methoden beider Länder in der “Kulturellen Bildung” vorgestellt werden. Dazu waren als Referenten die Deputierte für Kultur der Provinz Limburg, Odile Wolfs, und Peter Landmann, der Leiter der Abteilung Kultur der Staatskanzlei, sowie je drei niederländische und deutsche Museumsdirektoren aus der Gattung der historischen, der Freilicht- und der ehrenamtlich geführten Museen geladen.

Neue Wege der Kulturvermittlung verfolge man in der niederländischen Provinz Limburg mit der “Culturelen Biografie”, wie die Kultur-Deputierte Wolfs – wegen kurzfristiger Verhinderung durch ihre persönliche Referentin Sonja Troisfontaine vertreten – in ihrem Beitrag hervorhob. Mit relativ niedrigschwelligen Ansätzen versuche man zunehmend auch Bevölkerungsschichten zu gewinnen, die sonst eher kulturfern seien. Anhand konkreter Zeugnisse aus den drei Provinzmuseen in Maastricht, Kerkrade und Venlo und mit der Bevölkerung gemeinsam werden dazu vier Themenblöcke – “Ankerplätze des Erinnerns”, “Kanon für das Bildungswesen von Limburg”, das “sensorische Gedächtnis von Limburg” sowie die “Unentdeckte Vergangenheit von Limburg” – aufgearbeitet. Kultur müsse auch außerhalb der etablierten Kulturinstitute stattfinden, gerade um die Menschen für diese zurück zu gewinnen. Ziel sei, alle Menschen an ihre Vergangenheit – und an ihre Zukunft – heranzuführen: Man wolle mit ihnen in einen Dialog treten, um Interesse an ihrer eigenen Kultur zu wecken.

Über neue Wege und neue Modelle der “Kulturellen Bildung” in NRW sprach Peter Landmann. Wichtig sei ein fächerübergreifender Querschnitt in allen Bereichen der Kultur. Dazu gehöre u.a. die Stärkung der Museen als außerschulische Lernorte, die Vermittlung der “Kulturellen Bildung” schon im Schulunterricht, Förderung von Museums- und Theaterbesuchen für Kinder, die Einbeziehung der Kunstvereine, der Archive und der Kirchen, sowie der interkulturellen Diskussion. Es werde nicht mehr in erster Linie gefragt “Was bringt die Kultur für die Wirtschaft?”, sondern “Was bringt die Kultur für die Bildung?” Schon jetzt finde “Kulturelle Bildung” in NRW auf vier großen Arbeitsfeldern statt: Künstler in Schulen (Projekt “Kultur und Schule”), Kooperation der Musikschulen mit den Grundschulen, Förderung der Kulturinstitute im ganzen Land und Förderung kommunaler Netzwerke.
Dafür wende das Land NRW 12 Millionen Euro auf, das entspreche 10 % seines Etats für die Kultur.

Zwischen diesen beiden Grundsatzreferaten hatten die Museumsdirektoren das Wort, gaben Einblicke in ihren Museumsalltag und ermöglichten einen direkten Vergleich zwischen deutscher und niederländischer Museumsarbeit. So sprachen für die historischen Museen Prof. Dr. Hans Walter Hütter, der Präsident der Stiftung Haus der Deutschen Geschichte in Bonn, sowie der Leiter des Limburgs Museums in Venlo, Drs. Jos Schatorjé, für die Freilichtmuseen Michael Kamp, M.A. vom LVR-Freilichtmuseum in Lindlar und Prof. Dr. Jan Vaessen vom Openluchtmuseum in Arnheim, und für die ehrenamtlich geführten Museen Hansgeorg Hauser vom Haus der Seidenkultur in Krefeld und Drs. Jos de Kunder für das Museum de Locht in Meldersloh.
Wichtig ist allen Häusern, sowohl auf niederländischer wie auf deutscher Seite, Interaktivität als neue Methode zu intensivieren und die Zielgruppen präziser zu definieren. Verstärkt sollen sich die Museen in der interkulturellen Diskussion sowie bei Fragen der Migration engagieren und in der Museumsarbeit die Kooperation zwischen den Generationen fördern. Ein wichtiger Aspekt für die Zukunft gilt auch dem Ehrenamt in der Museumsarbeit sowie dem Museum als außerschulischem Lernort.
In einem zusammenwachsenden Europa ist die Verzahnung der kulturellen Arbeit der kommunalen mit der regionalen und der nationalen mit der internationalen Ebene unabdingbar.
Dass dies im Limburgs Museum schon praktiziert wird, zeigt das dort eingerichtete Historoskop mit seiner Multimedienschau über die gemeinschaftliche Geschichte des Landes an Maas und Rhein, das, wie auch das gesamte Haus mit seiner beeindruckenden Konzeption während der Mittagszeit von den Tagungsteilnehmern besichtigt werden konnte.

Regine Zeller
Vorsitzende des Verbandes Rheinischer Museen
Düsseldorf, im Juli 2009

Bürgerbeteiligung oder interministerielle Arbeitsgruppe: Museumspolitik in den Niederlanden und Deutschland – ein Kommentar

Am Ende ging das Konzept des VI. Rheinischen Museumstages doch prall und rund auf: der Blick über die Grenze in die Niederlande, die Tagung im limburgischen Venlo, die Paarung deutscher und niederländischer Museums- und Kulturverwaltungsfachleute war auf den ersten Blick befremdlich, und Terminologie und Grundlagen der jeweiligen Museumsarbeit waren nicht gleich verständlich. Aber etwas musste doch dran sein – am Publikumserfolg der niederländischen Museen zum Beispiel.

Die Ausgangslage am Bespiel des gastgebenden “Limburgs Museums” konnte unterschiedlicher nicht sein. Für seine Arbeit als Provinzialmuseum gibt es eine politisch legitimierte Basis: die “kulturelle Biografie Limburgs”. Allein der Begriff stieß auf Unverständnis bei den deutschen Museumsleuten: Kann eine Provinz eine Biografie haben€ Welche Theorie steckt hinter solch einer “Kultur”politik?
Die Auffassung einer Region, eines Landesteils als eines lebendigen Organismus ist so einfach wie wahr. Nicht gottgegeben, von Politik oder Verwaltung determiniert – sondern von Menschen gemacht, beeinfluss- und veränderbar.
Das “Schreiben” dieser Biografie wird den Menschen der Region überlassen – unter wesentlicher Unterstützung der Museen, die ihre Funktion als “Identitätsfabriken”, als Wissens- und Dokumentenspeicher einbringen.
Die Museumsfachleute schlagen die Arbeitsfelder vor und beurteilen die Vorschläge aus der Bevölkerung auf der Basis ihres gesammelten Wissens. Das Museum erhält eine offizielle Schnittstellenfunktion zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das bedeutet nicht nur eine Auf- oder Neubewertung für die Museen, sondern auch eine neue, zusätzliche Verantwortung, auf die mit neuen Methoden und Arbeitsweisen reagiert werden muss. Das Museum verändert sich zusammen mit seinen Kunden, denn beide bewegen sich auf einander zu.
Anders in Nordrhein-Westfalen, wo die “Kulturelle Bildung” einen besonderen Stellenwert auf der politischen Agenda bekommen hat, den sich die Landesregierung 12 Mio. Euro kosten lässt. Das entspricht 10 % der gesamten Kulturausgaben. Mit vielem Geld und großen Zahlen (ob 300.000 Kinder am Ende ein Instrument spielen oder 50 Schulkassen mindestens einmal im Jahr vom “TheaterFieber” erfasst sind) wartet das Land NRW auf.
Die Museen spielen eine untergeordnete Rolle, NRW setzt auf Spektakel und Spektakuläres wie “Künstler in Schulen” oder “Jedem Kind ein Instrument”, lässt aber die Akteure letztlich allein mit der Umsetzung einer vielleicht guten Papierform eines Projektes und fragt nicht nach Erfolg oder Misserfolg der finanzierten Projekte.
Die Nachfrage nach kulturellen Angeboten der Museen, die zwar auch als persönlichkeitsbildend verstanden werden, soll eher über ein formales Anreizsystem wie Gutscheine angeregt werden, und dann regeln sich Angebote und Nachfrage schon von selbst. Das “coolste” Museum wird überleben.
Da die Schule als Impulsgeber für Kulturnutzung verstanden wird, hat sich die Landesregierung vorgenommen, die Lehrer in dieser Hinsicht zu qualifizieren. Wie das passieren könnte und sollte, wird in Zukunft eine Interministerielle Arbeitsgruppe (IMAG) klären, die dann entsprechende Programme vorschlagen und auflegen lassen wird.
Die Museen werden gehalten und “angeregt” sein (um überhaupt Förderung zu erhalten und die zum Leben zu kleinen und zum Sterben zu großen “Töpfe” aufzufüllen), solchen Programmen entsprechende Angebote zu entwickeln und ihre Finanzierung zu beantragen. Es verändert sich etwas in der Museumslandschaft: so weit so klug gedacht von den ministeriellen Strategen.
Da wird dann mit großem Enthusiasmus und dem tatsächlichen Willen zur Veränderung gedacht, geplant und beantragt – und wenn es passt, dann passt es, und wenn nicht, dann hat man Pech gehabt.
Weder das Gelingen noch das Misslingen von Projektanträgen wird begründet, hinterfragt. Möglichkeiten zum “Justieren”, Aus- und Nachbessern gibt es nicht. Weder der glückliche Geförderte noch der Pechvogel wissen, was sie letztlich richtig oder falsch gemacht haben. Beide stehen gleichermaßen gelähmt vor dem unerforschlichen ministerialen Ratschluss: eine nachhaltige Veränderung der Museumslandschaft bleibt aus.
Anders in den Niederlanden, wo ob auf Provinz- oder auf kommunaler Ebene auf den Dialog zwischen Kulturschaffenden, Kulturvermittlern und potentiellen Kulturnachfragenden gesetzt wird. Die niederländischen Programme wie in Amsterdam (MOCCA = Match Onderwijs en Cultuur Amsterdam, “Spiel Bildung und Kultur Amsterdam”), wie in Maastricht (Digitale Biographie “Sicht auf Maastricht”) oder in der Provinz Limburg (“Kulturelle Biographie Limburg”) definieren und besetzen eine Ebene zwischen Kultureinrichtungen und Kulturkonsumenten, setzen die Rahmenbedingungen für eine Kultur des Austauschs, helfen den Dialog zu steuern und befördern damit die Annäherung zwischen Anbietern und Nutzern kultureller Leistungen nachhaltig.

Dr. Winrich Meiszies (Theatermuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf)
Mitglied im Beirat des Verbandes Rheinischer Museen
Düsseldorf, im Juli 2009